Smart, aber unabhängig: Design wird smart und erweitert die Funktionen der Brille
Auf der MIDO 2026 trifft Alessandra Salimbene Francesco Caretti von Sublimeyewear, um über Even Realities zu sprechen: Smart Glasses mit Augmented Reality und integrierter KI. Eine Analyse darüber, wie Design, Zugänglichkeit und Technologie zusammenkommen — und was das alles für den unabhängigen Optiker bedeutet.

Optical Insights von Alessandra Salimbene
Wenn die Brille smart wird, lautet die Frage nicht, ob sich die Branche verändern wird. Sondern, wer den Wandel anführen wird.
Auf der MIDO 2026 habe ich mich mit Francesco Caretti zusammengesetzt. Sohn von Dante, aufgewachsen in einem der konsequentesten und rigorosesten Kontexte der italienischen unabhängigen Brillenbranche. Und er hat mir von künstlicher Intelligenz erzählt.
Das war eigentlich keine Überraschung. Ich hatte schon seit einigen Jahren gesehen, wie sich dieses Gespräch näherte — ich spürte es in der Luft auf Messen, in den Randbemerkungen zu Präsentationen, in der zunehmend konkreten Neugier der Optiker, die ich bei meiner Arbeit treffe. Was mich diesmal beeindruckt hat, war die Art, wie Francesco das Thema einordnete. Nicht als Entscheidung zwischen gegensätzlichen Welten, sondern als Terrain, auf dem die Brille — die echte, die entworfen und getragen wird — noch immer eine zentrale Rolle spielen kann.
Das Produkt, über das wir gesprochen haben, heißt Even Realities, in Italien vertrieben von Sublimeyewear. Smart Glasses mit Augmented Reality und integrierter künstlicher Intelligenz. Entwickelt von einem Team von Ingenieuren. Verkauft, immer mehr, in den besten unabhängigen Optikgeschäften Italiens.
Die tragbare Zukunft ist schon im Geschäft
In den letzten Jahren schwankte die Erzählung über Wearable Devices zwischen der Begeisterung der Tech-Evangelisten und der Skepsis derjenigen, die vor Ort arbeiten. Die Google Glass, das kommerzielle Scheitern der ersten Headsets, die lange Saison der Smartwatches, die als Accessoires zweiter Klasse wahrgenommen wurden. Es schien, als würde der menschliche Körper der digitalen Kolonisierung widerstehen.
Dann kamen die Meta Ray-Ban. Und die Dinge fingen an, sich zu bewegen.
Nicht weil die Technologie wundersam geworden wäre, sondern weil endlich jemand verstanden hatte, dass die Form zählt. Dass ein tragbares Gerät getragen werden möchte. Dass die Grenze zwischen technologischem Objekt und Stilobjekt kein ästhetisches Detail ist: Sie ist die eigentliche Bedingung seines Erfolgs.
Die Brille steht im Zentrum dieser Transformation. Aus praktischen Gründen — sie sitzt im Gesicht, nahe den Augen, nahe den Ohren, in einer privilegierten Position, um Informationen zu sammeln und wiederzugeben. Und aus kulturellen Gründen, die wir in unserer Branche gut kennen: Die Brille war schon immer ein Identitätsobjekt, nicht nur ein Funktionsobjekt.
Design als Bedingung, nicht als Option
Francesco sagt es während des Interviews klar und deutlich: "Die Brille ist das Erste, was andere von uns sehen, wenn sie uns begegnen". Es ist ein einfacher Satz, aber er hat ein beträchtliches spezifisches Gewicht in einem Diskurs über Technologie.
Denn er erzählt von einem Bewusstsein, das in der Tech-Welt keineswegs selbstverständlich ist: Tragbare Technologie kann es sich nicht leisten, die Ästhetik zu ignorieren. Nicht als Zugeständnis an den Markt, sondern als strukturelle Anforderung. Ein Produkt, das man nicht tragen möchte, wird nicht getragen. Und ein Produkt, das nicht getragen wird, existiert nicht.
Das Projekt Even Realities entstand aus einem Team mit stark technologischem Hintergrund, hat aber Design als primäre, nicht dekorative Dimension integriert. Das ist meiner Meinung nach der Unterschied zu vielen früheren Versuchen: Man hat nicht versucht, Technologie zu einem bestehenden Objekt hinzuzufügen, noch die Menschen zu überzeugen, ein elektronisches Gerät zu tragen. Man hat an der Brille als solcher gearbeitet — an ihrer Form, an ihrem Gleichgewicht, an ihrer Beziehung zum Gesicht.
Es ist noch nicht die handwerkliche Forschungsbrille. Aber es ist ein Produkt, das Respekt für das Objekt hat.
Eine Zugänglichkeit, die wir nicht bedacht hatten
Es gibt eine Passage im Interview, die mich innehalten ließ. Francesco erzählt von einem gehörlosen Mädchen, das eine der Ersten war, die diese Brille ausprobiert haben — und das immer wieder ins Geschäft zurückkam, um Feedback zu geben, weil diese Brille ihr Echtzeit-Untertitel dessen lieferte, was um sie herum gesagt wurde.
Es ist ein starkes Bild. Nicht weil die Technologie an sich neu wäre — es gibt bereits Anwendungen, die Audio in Text umwandeln — sondern weil sie sie tragbar, dezent und in den Alltag integriert macht, ohne das Stigma eines Spezialgeräts.
Dazu kommt die Simultanübersetzung: auf Messen, auf Reisen, in einem internationalen beruflichen Kontext. Die Möglichkeit, visuelle Notizen zu machen, zu navigieren, ohne den Blick auf das Telefon zu senken. Funktionen, die bequem erscheinen, aber die in bestimmten Kontexten die Qualität der Erfahrung wesentlich verändern.
Diese Dimension — die Brille als Werkzeug für Zugänglichkeit und Autonomie — ist in unserer Branche noch wenig erforscht. Und es ist, meiner Meinung nach, eines der stärksten Argumente für diejenigen, die diese Art von Produkt seriös positionieren möchten.
Der unabhängige Optiker als Protagonist
Die Frage, die mich jedoch am meisten interessiert, ist eine andere: Was bedeutet das alles für diejenigen, die ein unabhängiges Optikgeschäft führen?
Die bequemste Antwort wäre abzuwarten. Zu beobachten, wie sich der Markt bewegt, zu warten, bis sich das Produkt etabliert, einzusteigen, wenn das Risiko gesunken ist. Es ist eine verständliche Logik, aber genau diese Logik hat mit der Zeit den Raum des Unabhängigen zugunsten von Ketten und Online-Plattformen erodiert.
Das Technologieprodukt schafft im Geschäft etwas, das der Online-Kanal nicht leicht replizieren kann: einen Moment des Staunens. Wie Francesco erzählt, gibt es eine Phase, in der man den Kunden die Brille ausprobieren lässt, er bleibt "einen Moment verblüfft", und daraus entsteht ein neues Gespräch. Neu im wörtlichen Sinne: Es ist nicht das Gespräch über das Gestell, nicht das über die Gleitsichtlinse. Es ist ein Gespräch darüber, wie Technologie seinen Tag verbessern kann.
Das eröffnet neue Kundschaft — auch diejenigen, die keine Sehbrille tragen, denn das Produkt funktioniert auch ohne Korrekturgläser. Und es baut eine neue Art von Beziehung zum Stammkunden auf, der mit einer anderen Frage ins Geschäft zurückkehrt.
Wer diese Chance jetzt zu nutzen weiß, baut eine Positionierung auf. Wer wartet, wird sich hinterherlaufen sehen.
Koexistenz als bewusste Wahl
Francesco ist in einem Punkt sehr direkt: Er möchte nicht in einer Welt leben, in der es "nur die eine oder die andere Seite" gibt. Er ist überzeugt — und ich bin es auch — dass sich die smarte Brille und die Designbrille nicht ausschließen, sondern nebeneinander bestehen. Dass derselbe Kunde beide tragen kann, in unterschiedlichen Momenten und Kontexten.
Diese Koexistenz ist jedoch nicht automatisch. Sie erfordert eine Entscheidung von demjenigen, der ein Geschäft führt: zu entscheiden, beide zu führen, beide erzählen zu können, ein Angebot aufzubauen, das als Ganzes Sinn ergibt.
Die Alternative — sich aus Angst vor Technologie nur an die Tradition zu halten, oder die Technologie zu umarmen und dabei den Wert des Designs zu vergessen — führt in beiden Fällen zu einem Verlust. An Positionierung, an Kundschaft, an Identität.
Die handwerkliche Forschungsbrille und die smarte Brille konkurrieren nicht um denselben Kunden, im selben Moment. Es sind zwei Antworten auf unterschiedliche Bedürfnisse, die im selben Raum koexistieren können — wenn derjenige, der diesen Raum führt, die Vision hat, sie zusammenzuhalten.
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